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Kulturen der Geburt im Spanien der Frühen Neuzeit

The Interpretation of Childbirth in Early Modern Spain

Wolfram Aichinger (ORCID: 0000-0001-9313-6553)
  • Grant-DOI 10.55776/P32263
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.05.2020
  • Projektende 31.10.2025
  • Bewilligungssumme 446.894 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (25%); Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (25%)

Keywords

    Lucina, Alonso de Carranza, Pregnant Widows, Midwives, Obstetrics, Mary

Abstract Endbericht

Brisante Debatten unserer Zeit drehen sich um Schwangerschaft und Geburt. Neue Blickwinkel auf andere Zeiten und Kulturen verdeutlichen: Geburt ist kulturell geprägt und verlangt Ausdeutung. Was unterscheidet eine gebärende Frau im Kreißsaal des 21. Jahrhunderts von Margarita de Austrias frühneuzeitlichen Geburtsszene? Damals wie heute werden im Geburtszimmer Identitäten, Werte und Geschlechterverhältnisse geschaffen, ausgehandelt und auf die Probe gestellt. Der kultur-anthropologische Zoom schärft den Blick für frühneuzeitliche Denkweisen und Debatten über die Anfänge des Lebens - geformt durch Mythen, Religion und Fiktion. Zwischen Spannungen und Widersprüchen, impliziten und expliziten Wertvorstellungen, ist unser Quellenkorpus vielseitig und vielstimmig: Tagebücher, Traktate, Handbücher, Theaterstücke, Gemälde - Mütter, Väter, Ärzte, Hebammen, Juristen, Künstler und Priester. Sie sind Ausgangspunkt für Fragen zu: kulturellen Dimensionen von Medizin und Geburtshilfe religiösen Debatten (Unbefleckte Empfängnis, Nottaufe, kulturelle Konflikte zwischen Christen und Mauren) juristischen Debatten (Schwangerschaftsdauer, Betrug bei Geburt, posthume Geburten) der juristischen Praxis (z.B. Anerkennung der Vaterschaft) dem Wortschatz im semantischen Feld Geburt. Bisher wenig beforschte Bereiche der spanischen Geschichte werden erschlossen und nach Erkenntnissen zu Kulturen der Geburt befragt. Die Allgegenwärtigkeit der Fortpflanzung mag dazu verführen, ihren Wert für eine kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung zu verkennen. Mit unserer Forschung wollen wir historische Ursprünge, Konstanten und Veränderungen sichtbarmachen und damit aktuelle Diskussionen bereichern.

Inés de Ayala könnte am besten für unser Vorhaben sprechen. Doch sie lebte von 1590-1663 in Madrid. Inés war Hebamme zweier Königinnen. Ihr Gewerbe lernte sie von ihrer Mutter, in einer Welt des gesprochenen Wortes, von der wir wenige Zeugnisse haben. Junge Frauen lernten da von älteren, sie respektierten deren Erfahrung und Rat. Ärzte achteten den Vorrang der Hebamme im Geburtszimmer. In den frühen Jahren von Inés' Ehe starben mehrere der eigenen Kinder, nach einer Fehlgeburt war ihr Leben in Gefahr. Die Genesung wird sie später nicht Ärzten zuschreiben, sondern einer engen Vertrauten, der selig gesprochenen Mariana de Jess. Wie Mariana de Jess kannte auch Inés alle Marienaltäre Madrids, und diese Altäre suchten Königin, Magd, Bürgersfrau oder Handwerkerin während der Monate der Schwangerschaft auf, um glückliche Niederkunft zu erbitten. Die Jungfrau Maria war die Frau, in deren Geburtsgeschichte - dargestellt auf Tausenden von Bildern - jede Frau die eigene wiederfinden sollte. Im Taufbuch der Pfarre San Justo y Pastor ist für 1645 die Geburt von Inés' Enkelin Jernima Francisca verzeichnet, und auch die Tatsache, dass Inés de Ayala der Neugeborenen die Nottaufe spendete. Das Mädchen dürfte kurz darauf verstorben sein. In den 1650ern Jahren betreute Inés die Geburten der Königin Maria Anna von Österreich, mit 15 Jahren war die Habsburgerin von Wien nach Madrid gekommen, und mit ihr die spanische Hebamme, die in Wien der spanischen Kaiserin gedient hatte. Die Geburten Maria Annas verliefen glücklich, düster war das Davor und das Danach: Fehlgeburten, Frühgeburten, früher Tod von Säuglingen. Die Mutter jedoch überlebte. Als Inés 1663 ihr Testament machte, war sie so reich, dass das vom österreichischen Botschafter nach Wien vermeldet wurde, drei Sklavinnen dienten in ihrem Haus. Geburt war allgegenwärtig; Geburt war kein Ereignis, das weibliches Leben durchkreuzte; Schwangerschaft, Geburt und Stillen machten wesentliche Lebenszeit von Frauen aus. Geburt war Angelegenheit von Frauen, doch die Auswahl einer Hebamme für den Hof war diplomatische Angelegenheit. Schwere Geburten gingen nicht nur in ärztliche Berichte ein, sie generierten vor allem Geschichten von wundersamem Beistand. Gebären hieß, das Werk Gottes zu vollenden; Geburt war ein Aufbegehren gegen den Tod, viele Kinder trugen den Namen eines verstorbenen Geschwisterkindes; eine Hebammen wies somit nicht nur den Weg ins Leben, sondern sorgte oft dafür, dass ein Neugeborenes nicht ging, ohne das Sakrament der Taufe erhalten zu haben. Geburt war nicht nur von Kultur bestimmt, das Ereignis selbst schuf Kultur. Hätte Inés all das überhaupt der Rede wert befunden? Ganz fremd wäre ihr gewiss der Gedanke, dass Geburt nur den Körper beträfe. Unsere besten Ergebnisse finden sich im Buch Childbirth in Early Modern Spain oder in der OnlineZeitschrift Avisos de Viena.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Jesus Maria Usunariz, Universidad de Navarra - Spanien
  • Clara Bonet Ponce, Universidad de Valencia - Spanien

Research Output

  • 2 Zitationen
  • 21 Publikationen
Publikationen
  • 2023
    Titel Bautismos de urgencia en libros de bautismos y libros de defunciones. Un momento de transición en el registro de la muerte neonatal. Pedro Bernardo, Ávila, 1845-1860
    DOI 10.15581/001.26.010
    Typ Journal Article
    Autor Aichinger W
    Journal Memoria y Civilización
    Seiten 231-253
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Nachbenennung nach verstorbenen Geschwistern
    DOI 10.25365/adv.2022.4.7519
    Typ Other
    Autor Stockinger M
    Link Publikation
  • 2022
    Titel La interpretacin de los milagros marianos de fecundidad y parto a la luz de una obra apologética del siglo XVIII
    DOI 10.25267/cuad_ilus_romant.2022.i28.17
    Typ Journal Article
    Autor Panero García M
    Journal Cuadernos de Ilustración y Romanticismo
  • 2023
    Titel Los niños expsitos de Granada entre 1787 y 1794
    DOI 10.25365/thesis.73037
    Typ Other
    Autor Hilbrand V
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Patrones horarios de los partos en la Casa de Maternidad de Madrid (1887-1914)
    DOI 10.15581/001.26.026
    Typ Journal Article
    Autor Ruiz-Berdún D
    Journal Memoria y Civilización
  • 2024
    Titel Lo que ms teman las mujeres?
    DOI 10.25365/adv.2024.6.8527
    Typ Other
    Autor Aichinger W
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Del fonema al verso: Herramientas de escansión digital (y más)
    DOI 10.5944/rhd.vol.8.2023.37830
    Typ Journal Article
    Autor Sanz-Lázaro F
    Journal Revista de Humanidades Digitales
    Seiten 74-89
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Lo que ms teman las mujeres? Partos mortales y embarazos de riesgo en palacio y en casas de pobres (Siglo de Oro con incursiones contemporneas)
    Typ Journal Article
    Autor Aichingerw.
    Journal Avisos de Viena
    Seiten 53-66
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Hasta que la muerte nos separe o no. Divorcios en Vitoria (siglos XVII-XVIII)
    DOI 10.55698/ss47-2024-08
    Typ Journal Article
    Autor Intxaustegi Jauregi N
    Journal Sancho el Sabio revista de cultura e investigación vasca
  • 2022
    Titel De la melancolía a la locura: embarazo, parto y posparto (España y el mundo hispánico, siglos XVI-XVII)
    DOI 10.3989/asclepio.2022.10
    Typ Journal Article
    Autor Usunáriz J
    Journal Asclepio
    Link Publikation
  • 2021
    Titel La alimentacin de la mujer en el embarazo, parto y puerperio en la España de la temprana Edad Moderna
    DOI 10.13035/h.2021.09.01.41
    Typ Journal Article
    Autor Usunáriz J
    Journal Hipogrifo. Revista de literatura y cultura del Siglo de Oro
  • 2021
    Titel El nacimiento del malnacido: embarazos y partos en la novela picaresca
    DOI 10.13035/h.2021.09.01.43
    Typ Journal Article
    Autor Sanz-Lázaro F
    Journal Hipogrifo. Revista de literatura y cultura del Siglo de Oro
  • 2021
    Titel <>. El uso poltico de la fertilidad en las negociaciones matrimoniales de los Habsburgo durante la segunda mitad del siglo XVII
    DOI 10.13035/h.2021.09.01.45
    Typ Journal Article
    Autor Martínez López R
    Journal Hipogrifo. Revista de literatura y cultura del Siglo de Oro
  • 2020
    Titel Midwife Diplomacy. The Recruitment of a Midwife for Empress Margarita Mara Teresa de Austria (1666-1673)
    DOI 10.15581/001.23.028
    Typ Journal Article
    Autor Aichinger W
    Journal Memoria y Civilización
  • 2020
    Titel Relaciones sexuales durante el embarazo y el puerperio en la España de la Temprana Edad Moderna Sexual
    DOI 10.15366/rha2020.16.004
    Typ Journal Article
    Autor Kremmel N
    Journal Revista Historia Autónoma
  • 2021
    Titel Manos y materia. Volver tangible la sociabilidad en el parto áureo
    DOI 10.13035/h.2021.09.01.42
    Typ Journal Article
    Autor Aichinger W
    Journal Hipogrifo. Revista de literatura y cultura del Siglo de Oro
    Seiten 701-743
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The Imperial Ambassador and his Spouse at the Comedies; In: Gender and Diplomacy
    Typ Book Chapter
    Autor Aichinger W.
    Verlag Hollitzer
    Seiten 217-232
  • 2021
    Titel Lucina - Römische Göttin der Geburt in der spanischen Frühen Neuzeit
    DOI 10.25365/thesis.66510
    Typ Other
    Autor Fischer-Monzón H
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Paternidades y maternidades en Tigre Juan y El curandero de su honra
    DOI 10.1353/cnf.2021.0031
    Typ Journal Article
    Autor García M
    Journal Confluencia: Revista Hispánica de Cultura y Literatura
  • 2025
    Titel Childbirth in Early Modern Spain
    Typ Book
    Autor Aichinger W.
    Verlag Praesens
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Grandmother, Birth Assistant, Godmother. Grandparents and Newborns in a Spanish Mountain Village (Pedro Bernardo, vila, 1850-1861)
    DOI 10.15581/001.28.1.007
    Typ Journal Article
    Autor Aichinger W
    Journal Memoria y Civilización

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