Antiosteuropäischer Rassismus in Deutschland
Anti-East European Racism in Germany
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Soziologie (30%)
Keywords
- Racism,
- Migration,
- Germany,
- Eastern Europe,
- Colonialism
Das östliche Europa findet in der Forschung zu Rassismus, race und Weißsein nach wie vor wenig Beachtung. Dies steht im Kontrast zur langen historischen Tradition der Abwertung des Ostens im Westen, die bis heute fortwirkt. Insbesondere gibt es noch keine Geschichte des Rassismus gegenüber dem östlichen Europa und seinen Menschen nach der Zäsur von 1945. Deutschland stellt aufgrund seiner langen Verflechtungsgeschichte mit dem östlichen Europa, die oft auch eine Geschichte von Expansion und Eroberung war, einen besonders relevanten Fall dar. Mit diesem Buch zeigen wir zum einen, wie Osteuropa und seine Bewohner:innen historisch abgewertet und rassifiziert wurden, insbesondere von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus, dessen Streben nach Lebensraum im Osten und der daraus folgende Vernichtungskrieg den Höhepunkt des kolonialen Verhältnisses Deutschlands zum östlichen Europa darstellte. Zum anderen vollziehen wir nach, wie das so entstandene rassistische Wissen nach 1945 weiterwirkte und bis in die Gegenwart relevant bleibt, insbesondere im Zusammenhang mit der seit Ende der 1980er Jahre verstärkt stattfindenden Ost-West-Migration. Ziel ist es, die zentrale Bedeutung des östlichen Europa in der Geschichte des deutschen Kolonialismus und Rassismus auf die wissenschaftliche und öffentliche Agenda setzen. Es geht mithin um eine Osterweitung der Rassismusdebatte. Im Anschluss an Forschungen, die die ambivalente Zwischenposition von Menschen aus dem östlichen Europa in westlichen rassistischen Hierarchien als nicht ganz weiß beschrieben haben, haben wir den Begriff des antiosteuropäischem Rassismus entwickelt. Es handelt sich um ein übergreifendes Konzept, das negative, essentialistische Zuschreibungen zum geographischen Raum des östlichen Europa und zu seinen Bewohner:innen umfasst. Dies beinhaltet unterschiedliche historische und gegenwärtige Rassismen mit Osteuropabezug wie Antislawismus, Antisemitismus und Antiromaismus/Antiziganismus/Gadjé-Rassismus sowie deren Wechselwirkungen mit weiteren Kategorien wie sozialer Klasse (class) und Geschlecht (gender). Im Ergebnis werden Kontinuitäten, Wandlungen und Brüche abwertender Zuschreibungen zum östlichen Europa und seinen Menschen im deutschen Kontext sichtbar. Unsere Studie ist die erste, die diese wirkmächtigen Traditionen in Geschichte und Gegenwart aufzeigt. Seit dem Erscheinen der deutschsprachigen Fassung ist das Buch wissenschaftlich wie zivilgesellschaftlich auf großes Interesse gestoßen. Zugleich bedarf es Übersetzungen in andere Sprachen, um das Thema auch international sichtbar zu machen. Mit der Förderung einer ukrainischsprachigen Fassung durch den FWF wird ein erster, wichtiger Schritt in diese Richtung möglich.