Jüdische Sommerfrische und Erholungskulturen
Jewish Cultures of Rest and Recreation
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Soziologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (5%)
Keywords
- Jewish/non-Jewish Relations,
- Leisure Culture,
- Everyday Life,
- Urbanization
Von Marienbad in der heutigen Tschechischen Republik bis zu den Catskill Mountains im Bundesstaat New York sind Sommerfrischedestinationen und Kurorte seit langem Teil des modernen jüdischen Lebens. Als jüdische Gemeinden im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend urbaner wurden, suchten viele Menschen nach einer Auszeit vom überfüllten, heißen und ungesunden Stadtleben. Kurorte, Gesundheitsresorts und Bungalowkolonien boten frische Luft, Erholung und die Möglichkeit, neue Energie zu tanken. Jüdinnen und Juden trugen dazu bei, diese Orte zu lebendigen, kosmopolitischen Räumen zu machen, in denen unerwartete Begegnungen stattfinden konnten, die jüdische und nichtjüdische Besucher*innen sowie Jüdinnen und Juden mit unterschiedlichen Hintergründen, Überzeugungen und Traditionen zusammenbrachten. Die Destinationen waren ebenso Räumen des kulturellen und künstlerischen Engagements, die Literatur, Kunst und andere kreative Ausdrucksformen inspirierten und gleichzeitig ein Vermächtnis in Form von Erinnerungen, Kulturerbe und Architektur hinterließen, wie etwa jüdische Friedhöfe und historische Sehenswürdigkeiten. Dieser Band stellt Sommerfrische- und Kurorte als Räume vor, an denen Menschen sich trafen, Kontakte knüpften und pflegten, manchmal auch aneinandergerieten und oft Ideen austauschten. Die Kapitel verbinden Sommerfrische in Zentral- und Osteuropa mit Seebädern und Sommerkolonien in Kanada, Israel und den Vereinigten Staaten und besuchen diese als pulsierende Zentren jüdischen Gesellschaftslebens, wo Besucher*innen sich unter Einheimische und Mitreisende mischten, Freizeitaktivitäten genossen und Zeit mit der Familie verbrachten. Diese Orte boten im Vergleich zum städtischen Alltag eine Art andere Welt, in der soziale Regeln lockerer waren und die Menschen freier miteinander umgehen konnten. Die Sommerfrische erschuf informelle Arenen, in denen Identifikationen wie Klasse, Geschlecht, Politik und nationale Zugehörigkeit in alltäglichen Interaktionen subtil ausgehandelt wurden. Gleichzeitig waren Jüdinnen und Juden, wie die Kapitel zeigen, mit Antisemitismus konfrontiert, der von ausgrenzenden Baderegeln bis hin zu sozialer Feindseligkeit reichte, was deutlich macht, dass Räume der Entspannung und Gemeinschaft auch dazu beitragen konnten, Vorurteile und soziale Barrieren aufrechtzuerhalten. Durch die Betrachtung romantischer Beziehungen, Familienreisen, Skandale, antisemitischer Konflikte, des Interesses an Medizin und Naturphilosophie sowie politischer Debatten über Ferienziele zeichnen die Autor*innen ein facettenreiches Bild jüdischer Erfahrungen. Ergänzt wird diese Perspektive durch nostalgische Rückblicke auf diese Zeit und Berichte orthodoxer Jüdinnen und Juden, die die Orte nach dem Zweiten Weltkrieg erneut aufsuchten. Der Band zeigt, wie sich die Ferienorte entwickelten und warum sie so bedeutungsvoll wurden. Er beleuchtet nicht nur die Vielfalt jüdisch-nichtjüdischer Beziehungen, sondern auch die Dynamiken innerhalb jüdischer Gemeinschaften selbst. Zugleich arbeitet er heraus, wie ethnische, nationale, religiöse, politische und soziale Identifikationen in den temporären Gemeinschaften aus Gästen, Einheimischen und Geschäftsleuten sichtbar wurden und wie sie dort manchmal neu ausgehandelt wurden.