Ethnomusikologie umgekehrt: Migrant*innen forschen
Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians As Researchers
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
- Migrant Knowledge Production,
- Music in Austria,
- Reverse Ethnography,
- Participatory Methodology,
- Othering in Music,
- Decolonzing Expertise in Music
Ausgangspunkt des Forschungsprojekts Ethnomusikolgoie umgekehrt ist die Hypothese, dass migrierte Musiker*innen automatisch während des Ankommens an einem neuen Ort die ihnen (zum Teil) fremden musikalischen Welten erforschen. Um sich in der neuen Umgebung zu orientieren und potenziell Fuß zu fassen, stellen sie ähnliche Fragen wie feldforschende Ethnomusikolog*innen: Welche Musik(en) gibt es? An welchen Orten finden sie statt? Wer sind zentrale Personen im musikalischen Feld? Welche Musikveranstaltungen finden (regelmäßig) statt? Für wen wird gespielt? Wie verhalten sich Musiker*innen und Publikum bei Konzerten? Die Musiker*innen erarbeiten sich dadurch Wissen über Musik, Institutionen und Netzwerke in Österreich und interpretieren dieses basierend auf ihren bisherigen Erfahrungen zu musikalischen Kontexten. Dieses Projekt macht es sich zum Ziel, diese Musiker*innen als Wissensproduzent*innen über Musik(en in Österreich anzuerkennen, und deren Perspektiven, die sonst wenig beachtet oder ignoriert werden, sichtbar und zugänglich zu machenWährend in der Musikforschung meist Forscher*innen aus einer privilegierten Position heraus über ihnen (teils) unbekannte Musiken forschen und diese dadurch ver-andern (Othering), wird in diesem Projekt mit einem methodischen Setting der citizen music ethnography die bisher dominante Perspektive situativ umgekehrt und folgende Frage gestellt: Wie werden Musikpraktiken in Österreich von ankommenden Musiker*innen beobachtet und interpretiert? Sechs Musiker*innen/Forscher*innen, die etwa zwischen 2016 und 2020 nach Österreich migriert sind und hier ihre musikalische Praxis weiterführen (möchten), arbeiten in diesem Projekt mit vier akademisch ausgebildeten Forscher*innen (Projektleitung, post-doc-Forscher*in, Studienassistenz) zusammen. Die Musiker*innen setzen sich strukturiert mit einer selbst ausgewählten Musikpraxis in Österreich forscherisch auseinander, die für sie in spezifischen Aspekten, oder gänzlich, fremd oder anders ist. Im Zuge mehrerer gemeinsamer Workshops werden Fragen erarbeitet, Forschungsvorgänge und Machtkonstellationen in den Forschungszusammenhängen reflektiert, Ergebnisse diskutiert sowie Vermittlungsstrategien entwickelt, um das Erarbeitete für andere im Team und für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Die Rolle der Ethnomusikolog*innen erweitert sich dadurch und wird neu definiert, indem diese nicht als die alleinigen Wissensproduzent*innen agieren, sondern als Unterstützer*innen und Anleitende von Wissensproduktion im Sinne einer engaged pedagogy und kollaborativen Forschung. Außerdem setzen sich diese mit der Forschungsmethode einer citizen music ethnography auseinander, dass eben Menschen forschen, deren Wissensbildung sonst nicht als Wissenschaft gerahmt wird (citizen science). Das Projekt erprobt neue wissenschaftliche, ethnomusikologische Zugänge und hinterfragt gezielt übliche Machtverhältnisse in der Wissenschaftsproduktion.
Das Forschungsprojekt "Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers" entstand aus Beobachtungen während ethnomusikologischer Feldforschungen in Wien und Debatten über die Dezentrierung der Wissensproduktion in der Ethnomusikologie. Die zentrale Hypothese lautete, dass Musiker*innen, die an einen neuen Ort migrieren automatisch eine Art ethnografische Forschung machen, während sie sich in ungewohnten musikalischen Kontexten zurechtfinden. Musiker*innen sind dann nicht nur "Wissensträger*innen" der Musik, die sie ausüben, sondern auch aktive Produzent*innen von Wissen über Musikpraktiken, Institutionen und Netzwerke in ihrem neuen Umfeld - Wissen, das oft übersehen wird. Daraus ergab sich die leitende Frage für diese Forschung: Wie beobachten und interpretieren zugezogene Musiker*innen musikalische Praktiken in Österreich? Das Projekt schuf einen Raum, in dem Musiker*innen ihre Erkenntnisse artikulieren und vertiefen konnten. Das Team bestand aus fünf Musiker*innen-Forscher*innen, die zwischen 2016 und 2020 nach Österreich migriert sind und dort ihre musikalische Praxis aufbauten oder fortsetzten, sowie aus wissenschaftlich ausgebildeten Forscher*innen. Die Hauptziele des Projekts waren, erstens, die Wissensproduktion von Musiker*innen mit Migrationserfahrung zu validieren und zu fördern: Jede*r Musiker*in hat ein selbst gewähltes Forschungsprojekt entwickelt, das auf einen bestimmten Musikbereich in Österreich fokussierte. Zweitens zielte das Projekt darauf ab, Ansätze zur Wissensproduktion zu erweitern. Während Ethnomusikolog*innen beratend zur Seite standen, behielten die Musiker*innen die Kontrolle über ihre Forschungsfragen und -methoden. Dieses Vorgehen stützte sich auf Angewandte und engaged Ethnomusikologie sowie auf bell hooks' Konzept von engaged pedagogy. Das Projekt hatte demnach zwei Ebenen: die individuellen Projekte der Musiker*innen-Forscher*innen sowie die "Metaebene" der Reflexion und Anpassbarkeit. Dieser Ansatz wurde durch zahlreiche Besprechungen, Workshops und Gruppen- und Einzelgespräche gestützt. Workshops und Treffen in kleineren Gruppen schufen Räume, um über Prozess und Ergebnisse zu reflektieren sowie Strategien zu entwickeln, wie die Arbeit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden kann. Im Rahmen der individuellen Betreuung wurden Herausforderungen besprochen und Forschungsansätze weiterentwickelt, wobei Mentor*innen zusätzliches Fachwissen einbrachten (z. B. quantitative Forschung, Festivalorganisation, Songwriting). Die Musiker*innen-Forscher*innen wurden für ihre 19-monatige Arbeit bezahlt. Während des Projekts wurden Machtdynamiken, sozioökonomische Faktoren und individuelle Situationen untersucht, in kritischer Anerkennung der Existenz von Wertehierarchien sowie des Risikos von "Othering". Diese Themen, die mit Migration, Rassifizierung, Klasse und der Beurteilung musikalischer Kompetenz zusammenhingen, wurden im Rahmen von Treffen und Interviews nach Projektende behandelt. Auch bei methodischen Entscheidungen kam es zu Reibungen. Das Projekt erweiterte die Rollen in der Ethnomusikologie, lotete die Grenzen ethnografischer Methoden aus und beschäftigte sich mit citizen Musikforschung, bei der Menschen Wissen außerhalb wissenschaftlicher Rahmenbedingungen generieren. Die Ansätze wurden dokumentiert und werden im Hinblick auf eine zukünftige Anwendung ausgewertet. Letztendlich unterstreicht das Projekt die Bedeutung von Fürsorge und Finanzierung zur Förderung kollaborativer und experimenteller Forschung.
Research Output
- 10 Publikationen
- 2 Künstlerischer Output
- 1 Disseminationen
-
2023
Titel Migrierte Musiker_innen als Forscher_innen Typ Other Autor Brunner A Konferenz mdw Magazin Link Publikation -
2023
Titel Reverse Ethnomusicology: Projektvorstellung Typ Conference Proceeding Abstract Autor Brunner A Konferenz Research Forum des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften -
2023
Titel Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers (Poster) Typ Conference Proceeding Abstract Autor Brunner A Konferenz Ethnomusikologie in Österreich. Gegenwart und Zukunft, ICTMD-Österreich Tagung -
2023
Titel Reverse Ethnomusicology. Migrant Musicians as Researchers Typ Conference Proceeding Abstract Autor Gruber C Konferenz ÆSR Lab - Applied/Experimental Sound Research Lab Kick-Off -
2025
Titel Zwischen Exzellenz und Zugehörigkeit: Lateinamerikanische Musiker_innen in Wien Typ Other Autor Lecaros C Konferenz mdw Magazin Link Publikation -
2025
Titel Musik durch Forschung neu entdecken Typ Other Autor Bunea M Konferenz mdw Magazin Link Publikation -
2025
Titel Who Asks the Questions? On Collaborative Knowledge Production in Music Studies Typ Conference Proceeding Abstract Autor Brunner A Konferenz Die Natur der Musik, Symposium des DVSM, Österreichische Akademie der Wissenschaften, -
2024
Titel Researching (with) Individual Musicians after Forced Migration: Chances and Limits in Collaboration Typ Conference Proceeding Abstract Autor Brunner A Konferenz Roundtable Navigating Academic/Non-Academic Interaction in Music and Minorities Research, organised by the Music and Minorities Research Center, Society of Ethnomusicology Annual Meeting, online -
2024
Titel Reverse Ethnomusicology. Migrant musicians as researchers Typ Conference Proceeding Abstract Autor Brunner A Konferenz Klausur der Wissenschaften der mdw -
2026
Titel Theoretical Perspectives on Belonging, Music, and Migration in 21st-Century Europe An Introductory Editorial DOI 10.52413/mm.2026.58 Typ Journal Article Autor Brunner A Journal Music & Minorities