Unterdotierte Unis gefährden den Forschungsstandort
Die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung als zentrale strategische Schwerpunkte demonstriert China eindrucksvoll. Mit massiven Investitionen in diesen Sektoren ist es bereits vor einigen Jahren gelungen, Europa zu überholen, und China liegt inzwischen in vielen wissenschaftlichen Disziplinen auch vor den USA. Jüngste Studien legen nahe, dass China bereits in einem Großteil der Schlüsseltechnologien die wissenschaftliche Führungsrolle übernommen hat. Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Langzeitstrategie werden uns beispielsweise im Bereich der Elektromobilität auf unseren Straßen recht eindrucksvoll vor Augen geführt.
Wie sieht es aber mit Wissenschaft und Forschung als strategischen Schwerpunkten in Europa und Österreich aus? Der Draghi-Report von 2024 identifiziert Investitionen in Spitzenforschung in forschungsintensiven Zukunftsbereichen als eine unbedingt notwendige Maßnahme, um den Anschluss an die Innovation-Leader nicht weiter zu verlieren. Die angekündigte Verdopplung des Budgets des Europäischen Forschungsrats (ERC) für Grundlagenforschung im nächsten EU-Rahmenprogramm ist ein Anzeichen, dass auf europäischer Ebene richtige Schritte in diese Richtung gesetzt werden. Und auch mit dem trotz budgetärer Herausforderungen solide ausgestatteten Pakt für Forschung, Technologie und Innovation 2027–29 zeigt die Bundesregierung Engagement für den Wissenschafts- und Forschungssektor.
Auf Spitzenniveau
Im Bereich der Förderung von Grundlagenforschung setzt auch der Wissenschaftsfonds FWF mit dem "Clusters of Excellence"-Programm einen neuen Ansatz um und fördert institutionenübergreifende Verbünde von Forschungsgruppen. Mit den Exzellenzclustern entstehen so österreichweit vernetzte Strukturen, die die besten Wissenschafterinnen und Wissenschafter an Universitäten und außeruniversitären Forschungsträgern zu den "großen Forschungsthemen" zusammenführen. Innovative Ideen für zukünftige Herausforderungen in allen Disziplinen, aber auch mehrere derzeitige Schlüsseltechnologien werden so auf internationalem Spitzenniveau beforscht.
Das Beispiel der Exzellenzcluster illustriert aber auch sehr klar die Notwendigkeit eines langfristigen finanziellen Entwicklungspfades: Eine signifikante Reduktion der Universitätsbudgets würde das auf zehn Jahre angelegte "Clusters of Excellence"-Programm massiv beschädigen, da der FWF nur 60 Prozent des Gesamtbudgets eines Clusters finanziert. Die verbliebenen 40 Prozent werden als Eigenleistungen von den beteiligten Universitäten und Forschungsstätten aufgebracht. Unterdotierte Universitäten hätten Schwierigkeiten, die Eigenleistungen auf dem jetzigen Stand zu halten, was die Forschungsziele der Cluster substanziell gefährden würde.
Dringend notwendig
Eine langfristige Strategie im Wissenschafts- und Forschungsbereich mit einem verlässlichen Finanzierungspfad ist ein Kernelement einer modernen Wissensgesellschaft, insbesondere wenn diese den Anspruch erhebt, in der Liga der leistungsfähigsten Länder mitzuspielen. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen und institutionellen Strukturen muss dabei ein integraler Teil der Strategie sein.
Trotz der auch im internationalen Vergleich sehr sichtbaren Erfolge des österreichischen Forschungsraums gibt es viele strukturelle Herausforderungen, deren Lösung für die angestrebte Verbesserung unseres Wissenschaftssystems dringend notwendig wären. In seiner im April veröffentlichten Analyse des österreichischen Hochschulsektors spricht der die Bundesregierung beratende Rat für Forschung und Technologieentwicklung einige dieser strukturellen Hindernisse sehr klar an: von einer zu wenig geklärten Aufgabenverteilung unter den im internationalen Vergleich zahlreichen Hochschulen über die nach wie vor wenig zufriedenstellenden Organisationsstrukturen mit unzureichenden Karrieremodellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und die zu geringe kompetitive Forschungsfinanzierung bis hin zum Fehlen von klaren Unterstützungsstrukturen für Studierende mit einer hohen Rate an Studienabbrüchen.
Leistungsfähige Institutionen
Auch über den Hochschulsektor hinausgehend gibt es Aspekte, die strategisch klarer erfasst werden müssen: Mit sehr leistungsfähigen Institutionen, die sich vornehmlich in Wien und Umgebung konzentrieren, wie beispielsweise dem ISTA und den Instituten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), gibt es exzellente außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, die zunehmend Drittmittel und Spitzenforschung in diesen Sektor verschieben. Auch hier müssen klare strategische Ziele für die Zusammenarbeit mit den Hochschulen und die langfristige Rollenaufteilung zwischen den Institutionen über ganz Österreich hinweg entwickelt werden.
Die Antwort auf die Frage, ob Wissenschaft und Forschung strategische Schwerpunkte sein sollten, lautet ganz klar: ja, bitte unbedingt! Die tragenden Säulen der Strategie sind eine wachstumsorientierte und langfristig abgesicherte Finanzierung sowie moderne exzellenzorientierte Rahmenbedingungen und institutionelle Strukturen. Österreich muss dabei nicht nach China oder in die USA schauen; kleinere, hochinnovative Länder mit liberalen Demokratien wie Dänemark, Schweden, die Schweiz oder die Niederlande setzen hier die Maßstäbe.