Erstmals in der Kunstgeschichtsschreibung liegt eine systematische Übersicht über die Darstellung der Nacht in
ihren vielfältigen Erscheinungsformen, Attributen und Verknüpfungen im Zeitraum vom Alten Orient über Ägypter,
Griechen, das römische Weltreich, Frühchristentum, Mittelalter und Renaissance bis zum Barock vor. Eine
Fortsetzung, die von der Aufklärung und Romantik bis zur Moderne reicht, ist geplant.
Trotz der Gliederung in historische Abschnitte nach deren zeitlicher Reihenfolge mußte der methodischen Vielfalt
durch fachübergreifende und gründliche Studien von Einzelphänomenen Rechnung getragen werden. Deshalb sind
auch Gesichtspunkte aus vielen Nachbarwissenschaften berücksichtigt. Nachtdarstellungen sind weit über ihre
ästhetische Funktion hinaus mit religiösen, philosophischen, astrologischen und theologischen Vorstellungen
verbunden, z.B. wurde die Nacht in der Antike als das - weibliche - Urprinzip verstanden, aus welchem der
männliche Tag entsprang. Mannigfach wie ihre Erscheinungsformen sind auch ihre Farben. Die Barockzeit sah die
Nacht nicht wie frühere Epochen blau oder schwarz, sondern braun. Die Nacht kann als Personifikation erscheinen
oder als "natürliche" Nacht, etwa in Form einer Mondlandschaft. Das älteste bisher bekannte "Nachtstück" in
Gestalt eines Fischerboots auf einem See mit Schilfrohr und Mondsichel ziert ein vorbabylonisches Siegel aus dem
frühen 3.Jahrtausend v.Chr. Nacht kann positive Aspekte des Lebens meinen, steht aber auch für bedrohliche
Mächte (Tod, Hexenkunst, Alptraum) und niedere Triebe (primitive Erotik). Mitunter kann - wie beim Schlaf -
auch beides zutreffen. Nacht und Licht gehören zusammen. Indem der durch eine Lichtquelle in nachtdunklem
Raum erzeugte Schatten nachgezeichnet wurde, entstand nach altem Glauben die bildende Kunst. Zu den neu
erarbeiteten Erkenntnissen gehört vor allem der in der Renaissance als Bildthema beliebte Nachtfleiß, das
nächtliche Schaffen von Fürsten, Künstlern und Wissenschaftlern, die sich damit über die gewöhnliche Masse
erheben. Zahlreiche Werke bedeutender Künstler sind nicht nur überblicksmäßig geordnet, sondern nach
Kategorien untersucht und erläutert, u.a. Michelangelo ("...ich bin ein Kind der Nacht"), Raffael, El Greco, Rubens
und Caravaggio. Darüber hinaus erweitern etliche bisher wenig oder nicht bekannte Gemälde, Graphiken und
Bildhauerarbeiten den Blickwinkel.
Während die Forschungsarbeiten zum Projekt noch im Gang waren, ergab sich die Möglichkeit zu Kooperation bei
einschlägigen Ausstellungen und Rundfunksendungen. In den Katalogbeiträgen von B.Borchhardt ("Die Nacht",
München 1998; "Nightscapes", Ulm 2001) sind wichtige Erkenntnisse in kurzer Form zusammengefaßt.