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Die Erfahrung des Leidens

The Experience of Suffering

Noelia Bueno-Gómez (ORCID: 0000-0001-8764-6549)
  • Grant-DOI 10.55776/M2027
  • Förderprogramm Lise Meitner
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2016
  • Projektende 31.10.2017
  • Bewilligungssumme 161.220 €
  • Projekt-Website

Matching Funds - Tirol

Wissenschaftsdisziplinen

Gesundheitswissenschaften (40%); Philosophie, Ethik, Religion (60%)

Keywords

    Bioethics, Anthropology, Philosophy of Science, Philosophy of Religion

Abstract Endbericht

Kulturelle und soziale Ressourcen beeinflussen unsere gesamte Erfahrung des Leidens und die Art und Weise, wie wir Leiden verstehen und welche Bedeutung wir ihm zumessen. Dieses Projekt beabsichtigt aufzuzeigen, wie zwei entscheidende kulturelle Ressourcen die Erfahrung des Leidens in den gegenwärtigen europäischen Gesellschaften modellieren: nämlich die asketisch-mystisch christliche Tradition und die Techno-Wissenschaft (besonders die Medizin). Das endgültige Ziel dieser Interpretation ist es, besser begründete Entscheidungen bezüglich des Leidens in bioethischen Kontexten zu ermöglichen und Ressourcen für einen neuen Umgang mit Leiden vorzuschlagen. Das erste Ziel dieses Forschungsprojektes besteht in dem Versuch darzulegen, wie die Tradition mystisch-asketischer Christen und Christinnen (besonders ihre Vertreterinnen Teresa von vila, Gemma Galgani und Simone Weil) das Leiden interpretiert. Es wird gezeigt werden, wie und warum eine solche Deutung noch immer ein Erfahrungsschatz bezüglich der Wahrnehmung, des Ausdrucks und des Umgangs mit Leiden darstellt. Als zweites Ziel ist zu klären, wie die Techno-Wissenschaft (vor allem die Medizin) das Leiden wahrnimmt, wie sie damit umgeht und wie sie es ausdrückt. Zudem sollen noch ihre Annahmen, Grenzen und Herausforderungen aufgezeigt werden. Drittens wird der Erfolg und Misserfolg beider Perspektiven als kulturelle Ressourcen, um mit dem Leiden umzugehen, evaluiert werden. Diese Evaluation schließt zwei neue Ziele ein: (1) die Erläuterung der zugrunde liegenden kulturellen Elemente, die heutzutage die persönlichen, professionellen und politischen Entscheidungen beeinflussen, wenn es darum geht, dass Menschen leiden, besonders in bioethischen Kontexten, und (2) der Vorschlag von Ressourcen für einen neuen Umgang mit Leiden unter den momentanen historischen und soziologischen Bedingungen, und zwar im Lichte der positiven Aspekte beider Traditionen. Es wird eine philosophische Methodologie benutzt, die aus einer hermeneutischen Interpretation von klassischen Texten und der Berücksichtigung von soziologischen, historischen und anthropologischen Daten besteht. Dieses Projekt ist in dreifacher Hinsicht innovativ. Zum einen wird eine philosophische Perspektive entworfen, die sich auf Daten anderer Fachwissenschaften über die Erfahrung des Leidens stützt. Zum anderen wird Leiden als ein bedeutungsabhängiges Phänomen verstanden, das stark von kulturellen Elementen beeinflusst wird. Außerdem wird eine praktische Dimension mit dem Ziel eingebunden, zur kulturellen und partizipativen Wende in der Bioethik beizutragen.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: (1) Konzeptualisierung von Leiden und Schmerz: Es wurden sowohl Beiträge der klassischen und der evidenzbasierten Medizin, die humanistische Wende in der Medizin als auch phänomenologische und narrative Theorien über Leiden und Schmerz sowie besondere Vorstellungen der Person kritisch diskutiert, um gute Definitionen von Leiden und Schmerz vorschlagen zu können. Solche Definitionen werden bei der Identifizierung der Phänomene und in Auseinandersetzungen über Möglichkeiten ihrer Linderung hilfreich sein. Überdies erlauben diese, ein besseres Verständnis davon zu gewinnen, wie diese Phänomene ausgedrückt und erfahren werden. Es wird vorgeschlagen, unter Leiden eine unangenehme oder sogar beängstigende Erfahrung, die jemanden auf einer psycho-physischen und existenziellen Ebene schwerwiegend trifft, zu verstehen. (2) Das christliche asketisch-mystische Verständnis und sein Umgang mit Leiden sind entscheidend, um die Kultur des Leidens im zeitgenössischen Europa zu verstehen. Zum einen hängt dies mit einer Theodizee zusammen, die Trost spendet, weil sie in der Lage ist, Leiden in einem mächtigen Bedeutungsuniversum zu verorten. Jedoch wird dieser Trost nur jenen zuteil, die die zugrunde liegende Theodizee akzeptieren. Zum anderen wird Leiden als Teil der spirituellen Entwicklung der Gläubigen positiv bewertet. Man kann Teresa von Avilas, Gemma Galganis und Marthe Robins Einstellung, sich Leiden zu wünschen, als eine Bestätigung des Selbst und der Stärke, es zu ertragen, ansehen. Auch wenn es besser ist, Leiden als etwas intrinsisch Negatives zu verstehen und damit als etwas, dem entgegenzuwirken ist (um eine Rechtfertigung des vermeidbaren Leidens zu vermeiden), bleibt es dennoch aufschlussreich, die Fähigkeit der Mystikerinnen und der Mystiker, das Leiden in eine Vorstellung des gutes Lebens zu integrieren, zu berücksichtigen. (3) Es gibt eine Art von Leiden, das von sozialen Einrichtungen, der Organisation der sozialen Systeme und von anderen sozialen Bedingungen verursacht wird: das sogenannte soziale Leiden. Diesbezüglich wurden zunächst die Möglichkeiten der künstlerischen Sozialkritik untersucht. Des Weiteren wurde die Chance einer affirmativen Biopolitik erforscht, die im Unterschied zu einer negativen Biopolitik, welche soziales Leiden verursacht, dessen Vermeidung anstrebt.1 Die Ergebnisse wurden in verschiedenen Publikationen und bei mehreren Tagungen präsentiert. Außerdem wurde im Rahmen des Projektes die internationale Tagung The Experience of Suffering. Philosophical, Cultural and Social Dimensions veranstaltet.2 1 Die Begriffe affirmative Biopolitik und negative Biopolitik wurden von Rober to Esposito formuliert. 2 Vgl. https://www.uibk.ac.at/philosophie/projekte/bueno-the-experience-of-suffering/tagung-suffering.html. 4

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Silke Schicktanz, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
  • Javier Sancho Fermín, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen - Spanien
  • José Antonio Méndez Sanz, Universidad de Oviedo - Spanien
  • David Bain, University of Glasgow - Vereinigtes Königreich
  • Michael Brady, University of Glasgow - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 96 Zitationen
  • 6 Publikationen
Publikationen
  • 2020
    Titel Self-management and Narrativity in Teresa of Avila’s Work
    DOI 10.4324/9780429022890-2
    Typ Book Chapter
    Autor Bueno-Gómez N
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 4-19
  • 2019
    Titel “I Desire to Suffer, Lord, because Thou didst Suffer”: Teresa of Avila on Suffering
    DOI 10.1111/hypa.12488
    Typ Journal Article
    Autor Bueno-Gómez N
    Journal Hypatia
    Seiten 755-776
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Self-management and Narrativity in Teresa of Avila's Work
    DOI 10.1080/14484528.2018.1475001
    Typ Journal Article
    Autor Bueno-Gómez N
    Journal Life Writing
    Seiten 305-320
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Desafos bioéticos y biopolticos de la gestin médica del sufrimiento y el dolor.
    Typ Journal Article
    Autor Bueno-Gómez N
  • 2017
    Titel Biopoltica y sufrimiento social. Pensar una poltica libre de dominacin.
    Typ Journal Article
    Autor Bueno-Gómez N
    Journal Eikasía. Revista de Filosofía
  • 2017
    Titel Conceptualizing suffering and pain
    DOI 10.1186/s13010-017-0049-5
    Typ Journal Article
    Autor Bueno-Gómez N
    Journal Philosophy, Ethics, and Humanities in Medicine
    Seiten 7
    Link Publikation

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