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Das spätkeltische Heiligtum am Frauenberg bei Leibnitz/Stmk

Late Latène-Sanctuary on Frauenberg near Leibnitz/Styria

Bernhard Hebert (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P16231
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.08.2003
  • Projektende 30.09.2005
  • Bewilligungssumme 143.359 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geowissenschaften (50%); Geschichte, Archäologie (50%)

Keywords

    Stätlatènzeit, Faruenberg bei Leibnitz/Stmk, Keltisches Heiligtum, Archäologie, Archäozoologie

Abstract Endbericht

Zwischen 1991 und 1998 wurde auf einer dem Frauenberg bei Leibnitz vorgelagerten Terrasse ein für Österreich bzw. den Südostalpenraum einzigartiges latènezeitliches Objekt ergraben. Dabei handelte es sich um Teile eines keltischen Heiligtums nach französischem Muster, welche in der Regel aus einem zentralen Opferareal und einem von Palisaden gesäumten Umfassungsgraben bestehen, der der Aufnahme von Abfällen ritueller Aktivitäten diente, die im Inneren der Heiligtümer vollzogen und auf diese Weise einer Profanisierung entzogen wurden. Am Frauenberg konnte ein ca. 80 m langer Abschnitt des westlichen Umfassungsgrabens samt Eingangsbereich einer solchen Anlage dokumentiert werden. Während das äußere Erscheinungsbild weitestgehend den nordfranzösischen Heiligtümern vom Typ "Picardie" entspricht, unterscheidet sich der Inhalt des Grabens deutlich. Es liegt zwar ebenfalls umfangreiches archäologisches Fundmaterial vor (Waffenteile, Trachtbestandteile, Münzen, Keramik sowie Menschenknochen mit Hieb- und Schnittspuren), was jedoch hervorsticht ist die Menge und Selektion bestimmter Skelettelemente von Haustieren, im besonderen des Schulterblattes des Hausrinds. Etwa 2000 extrem ineinander verschachtelte Schulterblätter von mehr als 1000 Tieren wurden in kürzester Zeit in den Graben eingebracht. Neben der archäozoologischen Auswertung, die erstmals aufgrund der großen Serie eine detaillierte Studie über Herdengröße und Geschlechterstruktur nicht nur dieser regionalen Rinderpopulation, sondern erstmals in Anbetracht einer ähnlichen Serie aus dem spätlatènezeitlichen Oppidum von Manching einen genauen Vergleich beider Fundorte zuläßt, sind die Rekonstruktion des Schichtbildungsprozesses und die Frage nach einer kultischen Bedeutung des Schulterblattes Untersuchungsziele. Die zu verschiedenen Verfüllphasen nach einem bestimmten Schema deponierten modifizierten Menschenknochen deuten auf ein komplexes mehrstufiges Bestattungs- bzw. Opferritual. Das reiche stratifizierte archäologische Fundmaterial bietet erstmals im Südostalpenraum die Möglichkeit einer feintypochronologischen Analyse (Keramik, Fibeln, Münzen und Importkeramik) von der Mitte des 2. Jhdts. v. Chr. bis in die Mitte des 1. Jhdts. n. Chr. In einer Synthese sämtlicher Ergebnisse aus Archäologie, Archäozoologie, Paläobotanik, Anthropologie und anderen Naturwissenschaften wird es möglich sein, das sich ändernde ökologische Umfeld nachzuzeichnen, die Deponierungsabläufe sowie die vorangehenden rituellen Handlungen auschnittsweise zu rekonstruieren und unter Herbeiziehung von ähnlichen Befunden, religionswissenschaftlichen und ethnographischen Vergleichen sowie historischen Quellen ein Modell dieses einzigartigen keltischen Heiligtums hinsichtlich Anlage und Ritual zu entwerfen. Die zu diesem Ziel führenden Analysen können aufgrund der Zusammensetzung und Erhaltung des Fundmaterials auf sämtlichen Gebieten als absolute Grundlagenarbeit bezeichnet werden.

Bei Rettungsgrabungen des Bundesdenkmalamtes 1991 bis 1998 auf den Perl-/Stadläckern am Frauenberg bei Leibnitz/Steiermark konnte zum ersten Mal im gesamten ostkeltischen Bereich ein Heiligtum nach Vorbild der gallischen Anlagen vom Typ "Picardie" nachgewiesen werden. Die Zusammenarbeit von Archäologen, Archäozoologen, Paläobotaniker, Paly-nologe, Dendrochronologen, Molekularbiologen, Geologen und Numismatiker im Rahmen eines FWF-Projektes ermöglichten die optimale Auswertung sämtlicher Funde und Befunde. Der von der befestigten Siedlung abgesonderte, über 5000 m große und im Grundriss trapezförmige "Temenos" wurde von einem Graben eingefasst, der von einem Eingangs-bereich mit Toranlage unterbrochen wurde. Außerhalb des Grabens zog sich ein Erdwall mit Pallisaden (?) um das Heiligtum herum. Zahlreiche Gruben im Inneren enthielten noch reiches Fundmaterial. Von entscheidender Bedeutung für die Rekonstruktion der Rituale bzw. Prozesse, die sich im Heiligtum selbst abspielten, sind die fundreichen Verfüllschichten des Umfassungsgrabens, wobei sich neun zeitlich gut datierbare Verfüllhorizonte feststellen ließen. Diese setzten in der ersten Hälfte des 2. Jhdts. v. Chr. ein, die letzten und jüngsten Aktivitäten fanden um die Zeitenwende statt. Im enorm umfangreichen Fundmaterial waren vier Hauptgruppen trennbar: Tierknochen, Menschenknochen, Waffenteile und Gefäß-keramik. Daneben begegneten auch Wagenteile, auffällig wenige Bestandteile der Frauen- tracht (Glasarmreifen etc.) sowie zahlreiche Gold- und Silbermünzen und zwei Tüpfelplatten-fragmente, die einen Hinweis auf eine mögliche keltische Münzprägung am Frauenberg liefern können. Während kleinteilig zerstörte Waffen (Schwerter, Schilde, Lanzen und Helme) fixer Bestandteil aller Verfüllschichten sind, lässt sich durch die markante Abnahme von Tierknochenfunden auch eine Änderung im Opferverhalten belegen. Das "blutige" Tieropfer wird immer mehr von Speise- und Trankopfern abgelöst, wobei bestimmte über-repräsentierte Keramikgefäßtypen (Schalen und Becher) auf Kultmahle hindeuten. Beispiellos sind bislang die zahlreichen Rinderschulterblätter geblieben, die hauptsächlich in einer massiven Knochenschicht vorkamen. Über 2000 Schulterblätter von mindestens 1300 Rindern (hauptsächlich von Stieren!) gelangten in einem Zug in den Umfassungsgraben. Zahlreiche Ritzlinien auf der fleischlosen Knochenseite entziehen sich noch einer Erklärung. Eine Reihe von Menschenknochen mit Schnittspuren sind vermutlich als Relikt eines komplexen mehrstufigen Bestattungsvorganges zu sehen, wobei bei den Schädelteilen auf Grund der auffälligen Lagebeziehung von Unterkiefern und Schädelteilen auch an Trophäenschädel gedacht werden muss, DNA-Analysen werden darüber Auskunft geben können. Auf mehreren Gefäßbruchstücken fanden sich Ritzinschriften bzw. Buchstaben in venetischem Alphabet, wobei jedoch die Sprache nicht als venetisch, sondern als keltisch bestimmt werden konnte. Ein Ritzinschriftenfragment ist als Weih- bzw. Widmungsinschrift zu werten und unterstreicht damit den Opfercharakter.

Forschungsstätte(n)
  • Bundesdenkmalamt - 100%

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