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Augustinus als Philologe und Kommentator

Augustine of Hippo as philologist and commentator

Dorothea Weber (ORCID: 0000-0003-4850-9116)
  • Grant-DOI 10.55776/P16487
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.08.2003
  • Projektende 31.08.2006
  • Bewilligungssumme 72.009 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)

Keywords

    Creation Account, Biblical Exegesis, Semiotics, Exegetical Methods, Neoplatonism, History Of Philology

Abstract Endbericht

Anhand von Augustinus` frühestem Kommentar zum Schöpfungsbericht sollen die exegetischen und philologischen Techniken erforscht werden, um durch Vergleich mit der Hermeneutik in anderen, ebenfalls dem Schöpfungsbericht gewidmeten Werken ein Gesamtbild des Philologen und Exegeten Augustinus zu gewinnen. Die Arbeit verfolgt drei zentrale Themen: 1) Die grammatisch-philologische Technik. Die Grammatik als Disziplin der Konstitution und Deutung normativer Texte lag Augustinus als klar segmentierte, mit vier Methoden operierende Disziplin vor. Im Rahmen des Projekts sollen Kenntnis und Anwendung dieser philologischen Instrumente für das Verständnis des Schöpfungsberichts durch Augustinus fruchtbar gemacht werden. 2) Der neuplatonische Kommentar in Augustinus` Exegese. Das bedeutendste Medium philosophischer Artikulation war in der ausgehenden Antike der im Rahmen einer Schule zuerst mündlich vorgetragene, dann des öfteren auch verschriftlichte Kommentar vorwiegend zu Platon und Aristoteles. Die einer starren Systematik unterworfene Struktur des Philosophenkommentars prägte auch Augustinus. Besonderes Augenmerk soll in diesem Zusammenhang der Frage gewidmet werden, welche Rolle die ontologisch-metaphysische Basis des Philosophenkommentars und die Auffassung, daß das Wort eines inspirierten Texts Ausfluß des ersten Einen ist, bei der Bibelinterpretation spielt. 3) Die Auswirkungen von Augustinus` Semiotik auf die Praxis der Textinterpretation. In mehreren Schriften entwickelte Augustinus eine Zeichentheorie, in der die Reflexivität des Wortzeichens, Metasprache und konventionelle Codes als Regulativ des Verstehens und die Unterordnung des "verbum" unter die "res" beschrieben werden. Als Konsequenz aus dieser sprachskeptischen Haltung wird als wahrer Vermittler der Gotteskenntnis nicht das Wort der Bibel, sondern die Vernunftseele behauptet. Zu fragen ist, inwiefern bei der Interpretation der Genesis diese Übergewichtung individueller Gottesschau mit dem Anspruch eines kanonisierten Textes auf allgemeine Gültigkeit zusammengebracht werden kann.

Das Forschungsprojekt verfolgte das Ziel, Augustinus in die Tradition der spätantiken Grammatik und Philologie einzuordnen und seine Exegese am Beispiel der Genesiskommentare zu veranschaulichen. Die Untersuchung konnte klar zeigen, daß Augustinus auf der mikroskopischen Ebene der Worterklärung auf der Höhe der kaiserzeitlichen Grammatik und Philologie steht, deren Techniken er abhängig von den Adressaten seiner Werke in verschiedener Intensität rezipiert. Im Gegensatz zur paganen Schule beschränkt er den Wert der Grammatik auf ihre Funktion als Formalwissenschaft, ihre zweite Aufgabe, die Erklärung von Dichtern, wird als Umgang mit reduzierten Formen des Seins verstanden und verurteilt. So ist Augustinus Grammatiker und scharfer Kritiker der Grammatik in einer Person. Wesentliche Motive dieser Grammatikkritik lassen sich bei Sextus Empiricus finden. Auch bei der Auslegung des Schöpfungsberichts steht nie die philologische Arbeit am Text, sondern die Aktualisierung des Texts für die Kirche im Vordergrund. Im Gegensatz zur historisch-kritischen Exegese der modernen Theologie ist Textinterpretation vom Postulat des Nutzens für die Gemeinde begrenzt. Entsprechend seiner sprachphilosophischen Theorie vom ontologischen Vorrang der Bedeutung vor dem Wort als dem Zeichen für diese Bedeutung regelt der Glaube der Rezeptionsgemeinschaft Kirche, die die Ganzheit des biblischen Sinnes immer schon in sich vereint hat, die Möglichkeiten der Interpretation. So kann sich den Gläubigen ein Sinn auftun, der den Verfassern biblischer Bücher noch verborgen war. Augustinus interpretiert nicht so sehr den Autor, sondern die Wirklichkeit hinter dem Text. Als weiteres Spezifikum Augustinischer Kommentatorik konnte der Einfluß der Rhetorik auf die Gestaltung der Kommentare erwiesen werden. Dazu zählt die Gliederung in Einleitung, argumentativen Hauptteil und affektorientierten Schluß sowie der Einsatz der status legales - Lehre im antihäretischen Zusammenhang. Augustinus Kommentare stehen traditionsgeschichtlich in der seit dem Hellenismus greifbaren Dichterexegese, der zeitgenössische Philosophenkommentar speist sich aus denselben Quellen, Übernahmen aus dem heidnischen Kommentar dieser Prägung spielen für die Morphologie von Augustinus exegetischen Schriften keine Rolle. Augustinus führt die antike Grammatik und Rhetorik zu ihrem Höhepunkt und überwindet sie zugleich: Der buchstäbliche Sinn kann nie durch den Buchstaben abgebildet werden, Wahrheit leuchtet im wortlosen Wort der Vernunftseele auf. Exegese kann und soll die Liebe zu Gott evozieren, dazu darf sie den Buchstaben verlassen.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%

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