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Soziale Akte, Tatsachen & Akteure nach Adolf Reinachs Lehre

Social acts, facts & agents based on Adolf Reinach’s account

Alessandro Salice (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P20125
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2007
  • Projektende 28.02.2009
  • Bewilligungssumme 83.144 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Sachverhalt, Sozialer / Social State Of, Akt, Sozialer / Social Act, Ontologie, Soziale / Social Ontology, Reinach, Adolf, Husserl, Edmund, Meinong, Alexius

Abstract Endbericht

Das Forschungsvorhaben verfolgt zwei Hauptziele: Erstes Ziel ist eine monographische Rekonstruktion der reinachschen Philosophie, welche bis dato in der wissenschaftlichen Literatur fehlt. Als zweites ist aufzuzeigen, dass Reinachs Positionen für die moderne ontologische Debatte von heuristischem Wert sind. Entsprechend ist das Projekt in zwei Teile gegliedert. Im ersten steht historische, im zweiten systematische Forschungsarbeit im Vordergrund. Zunächst ist Reinachs philosophischer und juristischer Untergrund zu erheben: Insbesondere bilden die Einflüsse von Lipps und Daubert (allgemeiner: des Münchner Kreises), von Meinong und Husserl und von Kantorowicz und Beling den Gegenstand der Untersuchung. Wichtig ist auch der angestrebte Nachweis, dass Reinachs Denken im seinen Gesamtaufbau mittels seines Sachverhaltsbegriffs gut zu interpretieren ist. Im zweiten Teil sollen Ergebnisse des ersten auf einige Fragestellungen der modernen ontologischen Debatte angewendet werden. Insbesondere werden folgende drei Themen entlang der reinachschen Perspektive erörtert: Reinachs Beschreibung sozialer Akte kann erweitert werden, um eine generelle Theorie linguistischer und außerlinguistischer (nicht notwendigerweise sprachlich ausgedrückter) Akte auszuarbeiten. Soziale Akte, und sie müssen nicht notwendigerweise sprachliche sein, erzeugen soziale Relationen (d.i. soziale Sachverhalte). Ferner können Handlungen als Sachverhalte beschrieben werden, welche als eine wesentliche Komponente die Handlungsintentionalität der Handelnden enthalten müssen. Schließlich soll die Idee sozialer Gegenstände möglichst vollständig erläutert werden. Man kann Reinachs sozialontologische Ansätze verallgemeinern, um sie im Sinne einer stark antireduktionistischen sozialen Ontologie zu verwenden. Diese Möglichkeit soll an Hand dreier verschiedener Paradigmen geprüft werden: (a) mit Searles Ontologie, (b) mit der Idee der Dokumentalität und (c) mit der (ingardschen) Deutung von sozialen Gegenständen als besonderen intentionalen Gegenständen. Meine Arbeitshypothese lautet, dass verschiedene Gegenstandstypen verschiedene ontische Struktur zeigen, sodass zuerst ein Kategoriensystem sozialer Gegenständlichkeiten anzustreben ist. Erst dann kann man ihre genetische Struktur erhellen. In diesem Sinne konzentriere ich mich auf sog. kulturelle Gegenstände, d.h. Produkte sozialer Akte oder Handlungen, welche in "kultureller Weise" vollzogen werden. Derartige in "kultureller Weise" erlebte Akte involvieren einen Inhalt (eine Bedeutung), welcher (welche) von einer bestimmten sozialen Gruppe "geteilt" wird. Das Vorhaben soll sich innerhalb von drei Jahren entfalten und wichtige Voraussetzungen für eine Habilitation an der Karl-Franzens-Universität Graz schöpfen. Eine Monographie wird Reinachs Philosophie rekonstruieren und die wichtigsten Forschungsergebnisse seiner philosophischen Entwicklung bekannt machen. Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften und akademische Vorträge werden diese Promulgation unterstützen. Um das Projekt erfolgreich zu realisieren werde ich bereits bestehende Kooperationen (mit München, Turin, Genf und Buffalo, NY) vertiefen sowie neue aufzubauen mich bemühen. Ich arbeite im Bereich der realistischen Phänomenologie seit mehreren Jahren und ich glaube, dass die bisher gesammelte Erfahrung ausreicht, um die Erforschung wissenschaftlichen Neulandes und die Entwicklung neuer Ideen innerhalb der fachrelevanten Disziplinen voranzutreiben.

Obwohl Adolf Reinach (1883-1917) im Alter von 34 Jahren gestorben ist und darum auch seine hinterlassenen Textmengen relativ umfangarm sind, ist seine Philosophie von erheblicher Bedeutung nicht nur für die Geschichte der Phänomenologie, sondern auch für die systematische Reflexion. Von einem philosophie-historischem Standpunkt konnte dieses Projekt zeigen, dass der Ausdruck "Phänomenologie" ein Gattungsname für verschiedene Positionen (und kein Eigenname für Edmund Husserls Gedankengebäude) ist: Phänomenologisch ist Reinachs philosophische Einstellung ohne weiteres, husserlsch im orthodoxen Sinne ist sie aber nicht. Die Forschung ergab, dass schon (und gerade) Husserls "Logische Untersuchungen" (1900/01) Angriffspunkte der reinachschen Kritik sind. Insbesondere Husserls Kernauffassungen über das Verhältnis von Denken und Anschauen, über die Konzeption der Sprache und über Existenz und Sachverhalte werden von Reinach zwar nicht immer explizit, aber trotzdem strikt abgelehnt. Reinach bestreitet, dass zwischen Denken und Anschauen ein Erfüllungsverhältnis gilt: Wahrnehmen bzw. Vorstellen ist nicht begrifflich konstituiert. Zudem liegt für Reinach das Wesen der Sprache nicht nur in ihrer denotativen Funktion, denn die Kundgabefunktion behält eine wesentliche Rolle bei Reinach: Da er die Existenz sozialer Akte ("Sprechakte") und authentisch performativer Äußerungen feststellt, wird jede Art von deskriptivem Fehlschluss vermieden. Letztlich konzipiert Reinach die Existenz eines Gegenstandes anders als Husserl: Sie ist ein Sachverhalt, dessen Negation bestehen kann. All diese Einsichten münden bei Reinach in eine originelle Intentionalitätstheorie, in eine artikulierte Sachverhaltsontologie sowie (und das ist vielleicht Reinachs innovativster Beitrag innerhalb der Phänomenologie) in die Grundlegung einer materialen Ontologie der sozialen Gegenstände, welche auf seiner Lehre der sozialen Akte basiert. Von einem systematischen Gesichtspunkt konnten die Forschungsergebnisse in folgenden Bereichen angewendet werden: Gemäß der Unterscheidung von Erlebnis und gegenständlichem Korrelat wurde das Phänomen der intentionalen Handlung als ein komplexes Gebilde untersucht, welches aus einem Absichtserlebnis (aus einem auf den Willen fundierte propositionale Einstellung) und aus dessen Produkt, d.i. dem Handlungssachverhalt, besteht. Ein damit verbundenes Ergebnis ist, dass sich "negative Handlungen" (z.B. Unterlassungsakte) als negative Sachverhalte präzis beschreiben lassen. Analog wurde bei der Untersuchung bezüglich der Gewalt vorgegangen: Gewaltakte wurden als soziale Akte beschrieben, deren performative Effekte soziale Relationen (d.i. mehrstellige Sachverhalte) sind. Damit ergibt sich eine ontologische Trennung zwischen verursachtem Übel und Gewalt: Die letzte Entität ist eine soziale Relation, die mit der ersten nicht koinzidiert, obwohl sie von ihr existentiell abhängig ist. Schließlich wurde die Ontologie sozialer Gegenstände untersucht. Reinachs Theorie wurde zunächst auf ihre Vorteile geprüft. Dabei ergab es sich, dass manche Gegenstandsarten notwendige Wesenszusammenhänge zeigen. Diese sind eben die sozialen psychischen Gegenstände (d.i. soziale Akte) und ihre performativen Effekte. Reinachs essentialistische Einstellung lässt sich aber nicht auf alle sozialen Gegenstände anwenden: Hier fehlt eine Erörterung von (sozialen) Artefakten, welche grundlegende Relevanz für die soziale Ontologie haben und deren Merkmal gerade darin liegt, dass sie kein Wesen im engeren Sinne instanziieren.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%

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